Victor Condrau ist der Initiant des Wildobst-Arboretums. Nebenan liegt die nationale Hochstamm-Obstsortensammlung.Bilder Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & Politik – Lesezeit 2 min.

Wildobst: wertvolle Alternative für Wälder, Hecken und Gärten

Speierling, Elsbeere, Wildkirsche und Co. können vielseitig eingesetzt werden. Etwa als Zukunftsbaum im Wald, als ökologische Aufwertung von Waldrändern oder als gesuchtes Wertholz. Das Wildobst-Arboretum in Dürrenasch (AG) erhält und fördert das Kulturgut.

Sarah Sidler | Im Wildobst-Arboretum in Dürrenäsch (AG) wähnt man sich im Garten Eden: Hier gedeihen Ebereschen mit weis­sen Beeren und Kirschpflaumen, deren Äste sich unter golfballgrossen Früchten beugen. Verschiedene Mispeln wachsen neben Elsbeeren, die Früchte der Felsenbirne leuchten verheissungsvoll. Reifen im Juli die Früchte der rund 1300 Pflanzen, tut sich auf der 1,3 ha grossen Fläche im Aargauer Seetal nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine ökologische und kulinarische Schatztruhe auf. Denn Wildobst zählt zu den Gehölzen mit ess- und verwertbaren Früchten. Es ist meist züchterisch wenig bearbeitet. «Zum Wildobst gehören neben den einheimischen auch fremdländische Arten, die in ihren Herkunftsländern als Wildobst genutzt werden und bei uns nur als Ziergehölze bekannt sind», schreibt die Stiftung Kultur-Landschaft Aare-Seetal in der Broschüre «Wildobst».

Vor sieben Jahren wurden die Gewächse in Dürrenäsch mit dem Ziel gepflanzt, möglichst viele Wildobstarten und deren Sorten zu erhalten. Das Wildobst-Arboretum Dürrenäsch ist Teil des Arboretums Seetal, welches mit dem Standort in Hallwil (AG) die erste und grösste systematische Sammlung in der Schweiz bildet. Es enthält eine Vielzahl mehrheitlich europäischer Wildobstarten und deren Sorten. Bei der Pflanzenauswahl wurde auf einheimische Wildformen und deren Sorten, europäische Arten und Formen, geniess- und verwertbare Pflanzen sowie Raritäten geachtet. Das Arboretum in Hallwil umfasst eine Hektare und enthält ein Wildrosen-Arboretum mit 30 Schweizer Arten. In der Nähe befindet sich zudem die nationale Hochstamm-Obstsortensammlung.

Initiant und Projektleiter des Wildobst-Arboretums ist der Landschaftsarchitekt Victor Condrau. Gemeinsam mit der Landschaftsarchitektin Elisabeth Dürig hat er das Arboretum geplant, gestaltet und realisiert. Als Landschaftsarchitekt ausserhalb des Siedlungsraums hat er oft mit Wildobst zu tun: «Es erhöht die Artenvielfalt und ist eine Bereicherung der Kulturlandschaft. Hecken dienen als räumlich prägnante Landschaftselemente. Ihre Früchte sind eine kulinarische Rarität.» Ein grosser Teil der Wildobstsorten wurde beim Sortensammler Pavel Beco eingekauft. Er ist Mitgründer der Stiftung Pro Specie Rara. Die Stiftung hat sich dem Erhalt und der Förderung der kulturhistorischen und genetischen Vielfalt von Pflanzen und Tieren verschrieben. Sie trägt das Projekt in Dürrenäsch gemeinsam mit der Stiftung Kultur-Landschaft Aare-Seetal.

Dank der Zusammenarbeit mit Pro Specie Rara, welche die Sammlung in ihrer Daten- und Samenbank sichert und dokumentiert, bleiben die alten Arten und Sorten erhalten. Einzelne Sorten – welche im Sortenfinder auf der Website der Stiftung ersichtlich sind – können als Stecklinge bestellt werden. Auch bei der Wildwerk Manufaktur in Niederhelfenschwil (SG) können Stecklinge bezogen werden. Inhaber Mirco Steer ist verantwortlich für den Schnitt der Pflanzen im Arboretum und hat im Gegenzug dazu die einmalige Chance, aus dem Schnittgut neue Pflanzen heranzuziehen. Die meisten Sorten lassen sich über Stecklinge vermehren, indem man zwischen Mai und Ende August die einjährigen Zweige abschneidet, diese einkürzt. Bis auf die obersten zwei werden alle Blätter entfernt. Eingesteckt in einem durchlässigen Substrat, bilden sie Wurzeln und schlagen aus. 

Auch ein Kulturschutzprojekt

Während in osteuropäischen Ländern die Früchte von Wildobstsorten nach wie vor in der Küche Verwendung finden und Sträucher sowie Bäume wie Schwarz-, Weiss- und Sanddorn, Kornelkirschen und Hartriegel entsprechend kultiviert werden, gerieten diese in der Schweiz in Vergessenheit. Dies, obwohl sie die Vorfahren unseres Kultur-
obstes sind und früher auch hier regional angebaut wurden. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Schlehen, Mispeln und Co. gleichwertig wie Äpfel, Birnen und Kirschen behandelt. Die Hecken bestanden vorwiegend aus Wildobstarten, deren Früchte zu Kompott, Marmelade, Trockenfrüchten und Säften verarbeitet wurden. «Durch seine ökologische, gesundheitsfördernde und kulturhistorische Bedeutung ist das Interesse an Wildobst in den letzten Jahren wieder gewachsen», sagt Victor Condrau. Das Projekt Wildobst-Arboretum soll die Basis bilden, um dieses alte Kulturgut hier umfassend zu fördern. Der Initiant ist stolz auf die lebendige Genbank, welche alte Sorten am Leben erhält. «Ich sehe mich als Denkmalpfleger des Wildobstes. Mich interessiert besonders das Kulturhistorische.»

Als Zukunftsbäume geeignet

Zurück in der Hauptsammlung in Dürren­äsch preist Victor Condrau die Vorzüge seines Lieblings-Wildobstes an: «Die Ölweide stammt aus dem Mittelmeergebiet, gedeiht hier jedoch sehr gut. Ihre kleinen Früchte lassen sich einfach von den Ästen abstreifen und schmecken hervorragend.» Wie die meisten Wildobstsorten ist auch diese genügsam, benötigt kaum Pflege und Dünger und ist kaum anfällig für Schädlinge. Der Wildobst-Experte streift durch das weitläufige Arboretum und preist die Vorzüge der Sträucher und Bäume an. «Es gibt mehrere Wildobstarten, die sich hervorragend eignen, um Waldränder und Hecken ökologisch aufzuwerten», sagt er, und zählt auf: «Die Kornelkirsche, auch Tierlibaum genannt, blüht sehr früh und dient zahlreichen Insekten als wichtiger Nahrungslieferant. Die Früchte der Eberesche, auch Vogelbeere genannt, dienen 63 Vogelarten als Nahrung. Speierlinge liefern bis zu 400 Jahre lang Früchte.» 

Wirtschaftlich interessante Baumarten

Da Wildpflaumen, Sanddorn und die Wildform der Vogelkirsche gut mit Trockenphasen auskommen, sieht Victor Condrau sie im Wald als wertvolle Zukunftsbäume. Speierlinge, Wildkirsche, Walnuss und Elsbeeren liefern gesuchtes Wertholz. Das Holz der Kornelkirsche ist das härteste Holz Europas.

Da sich viele Wildobstarten auf ungünstigen Standorten bewähren, langlebig und wenig anfällig für Krankheiten und Schädlinge sind, gedeihen sie gut entlang von Stras­sen und Wegen. Wildobsthecken können als Naschhecken entlang von Wanderwegen angelegt werden. Ihre Beeren dienen nicht nur Vögeln und anderen Wildtieren als wichtige Nahrungsquelle. Die Früchte von Wildobstsorten und -arten verfügen meist über ein Vielfaches an Vitaminen und Nährstoffen und sind auch für Menschen eine wertvolle Nahrungsquelle. Die Beeren des Sanddorns beispielsweise verfügen über zehnmal mehr Vitamin C als Zitronen. Zudem beinhalten sie Vitamin B12, das sonst nur in Fleisch vorkommt.

Victor Condrau preist die kulinarische Qualität des Wildobstes an. Er verarbeitet einen Teil der Beeren zu Fruchtweinen, Schnäpsen, Likören und Shrubs. «Die Aromen und Farben dieser Produkte sind einmalig.» Er stellt auch handverarbeitete Frucht­elixiere aus den seltenen Wildobst­sorten her. Da verschiedene Wildobstgehölze mit Dornen versehen sind, ist die Ernte ihrer Früchte nicht immer angenehm. Doch es gibt verschiedene Tricks: «Die Früchte der Ölweide kann man auskämmen. Der Sanddorn muss sowieso geschnitten werden. Legt man die Äste mit den reifen Früchten anschliessend in den Gefrierschrank, lassen sich die gefrorenen Beeren problemlos ablesen.»

Vor dem Aussterben bewahren

Da das Wildobst-Arboretum in Dürrenäsch öffentlich zugänglich ist, können sich Inte­ressierte von den überraschenden Geschmäckern der Früchte überzeugen. Naschen ist erlaubt, sammeln hingegen nicht. Tafeln informieren über die einzelnen Arten, deren Nutzung und Pflege. Zur Orientierung ist das Wildobst-Arboretum folgendermassen angelegt: Von der mittleren Allee, bestehend aus verschiedenen Vogelbeersorten in Form von Hochstammbäumen, führen zwölf Reihen schräg weg. Als erste Pflanze steht immer die Wildform einer Art, dann folgen jeweils zwei Pflanzen pro Sorte. Die Anlage wird umrandet von Pflanzmodulen, bestehend aus Misch-, Nasch-, Einmach- und Heilpflanzenhecken. Sie sind unterteilt in sonnige, halbschattige und schattige Standorte. Rund 500 verschiedene Sorten sind angebaut mit jeweils zwei bis drei Pflanzen von jeder Art. «Mit unserem Arboretum wollen wir die Vorzüge von Wildobst bekannt machen und dazu anregen, diese anspruchslosen und robusten Pflanzen in Gärten, Pärken und Wäldern zu pflanzen», sagt Victor Condrau. So sollen diese wertvollen Wildgehölze vor dem Aussterben und Vergessen bewahrt werden.

Immer am Puls des Waldes: Wald und Holz jetzt abonnieren

ähnliche News aus dem Wald